4. Von der Theorie zur Praxis

Lehrkräfte können eine wichtige Rolle dabei spielen, die Kluft zwischen den übergeordneten politischen Rahmenbedingungen der EU und den lokalen, praktischen Anliegen der Gemeinschaft zu überbrücken, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) in den Unterricht zu integrieren. Das Verständnis des europäischen Kontexts, die Einschätzung des lokalen Umfelds und die Auswahl der relevanten SDGs sind die drei wichtigsten Schritte dieses Ansatzes.

1. Rahmenbedingungen auf EU-Ebene und die grundlegende Beziehung

Die 17 SDGs der Vereinten Nationen sind eng mit den Grundprinzipien und der Identität der Europäischen Union (EU) verknüpft und spiegeln gemeinsame Werte wie Solidarität, Zusammenarbeit, Menschenwürde und Gleichheit wider.

Integrierte EU-Strategien:

Die EU integriert die SDGs systematisch in ihre strategischen Rahmenwerke und stellt so sicher, dass Nachhaltigkeitsziele in allen Mitgliedstaaten einheitlich berücksichtigt werden (Europäische Kommission 2022). Die wichtigsten EU-Rahmenwerke, die die konzeptionelle Grundlage bilden, sind:

• Der Europäische Grüne Deal (EGD): Der umfassende politische Rahmen der EU, der darauf abzielt, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, und der SDGs wie „Saubere Energie“ (SDG 7), „Klimaschutz“ (SDG 13) und „Nachhaltige Städte“ (SDG 11) direkt unterstützt. Initiativen im Rahmen des EGD, wie beispielsweise der Fonds für einen gerechten Übergang, stellen sicher, dass schutzbedürftige Gemeinschaften während des Übergangs geschützt werden.

• GreenComp: Dieses europäische Kompetenzrahmenwerk für Nachhaltigkeit definiert die Fähigkeiten, Kenntnisse und Werte, die für ein nachhaltiges Leben und Handeln erforderlich sind, im Einklang mit den EU-Grundsätzen der Fairness und Inklusion.

• Global Gateway: Diese EU-Strategie stellt eine globale Investitionsstrategie dar, die die Umsetzung der SDGs international durch Entwicklungsfinanzierung für nachhaltige Infrastruktur, digitale Transformation und saubere Energie unterstützt.

2. Lokale Relevanz und kontextbezogene Umsetzung

Das Handbuch (in WP2) betont die Rolle der Pädagog*innen bei der Einführung der SDGs als universellen Rahmen und deren anschließender Kontextualisierung im europäischen Umfeld und hebt hervor, wie EU-Werte (z. B. Demokratie und aktive Bürgerschaft) die Ziele untermauern (Oxfam 2016).

„Glokale“ Verbindung

Der Schlüssel zur praktischen Umsetzung liegt darin, dass Schulen als „glokale“ Verbindungsglieder fungieren und europäische ökologische und soziale Normen in alltägliche Praktiken umsetzen, die an die lokalen Gegebenheiten angepasst sind.

Beispiele zur Veranschaulichung der lokalen Relevanz, also der Relevanz vor Ort:

• Ungarn: Im Rahmen der Nationalen Themenwoche zur Nachhaltigkeit setzen sich die Schüler*innen durch lokale Aktivitäten wie Abfallvermeidung (SDG 12), Spaziergänge zur Erkundung der Artenvielfalt (SDG 15) und digitale Innovation (SDG 9) mit den SDGs auseinander.

• Litauen: Die Initiative „Millennium Schools“ gewährleistet gleiche Bildungschancen unabhängig vom geografischen oder sozioökonomischen Status (SDG 4).

• Türkei: Auf der Grundlage des Aktionsplans zum „Local Green Agreement“ dienen lokale Projekte wie städtische Gartenprojekte der lokalen Ernährungssicherheit (SDGs 2, 11, 12), was eine Angleichung an direkte EU-Ziele bedeutet (Ozdemir, 2019).

Problemerkundung und Living Labs

Die relevanten Probleme werden durch gemeinsame Gestaltung identifiziert. Lehrkräfte ermutigen die Schüler*innen, den lokalen Kontext zu analysieren, indem sie Ressourcen und Bedürfnisse erfassen und mit lokalen Behörden und Organisationen zusammenarbeiten.

Solche Kooperationen im Rahmen des problemorientierten Lernens (PBL) ermöglichen es den Schüler*innen, lokale Herausforderungen in „Lernlabore“ (Living Labs) zu verwandeln, indem sie beispielsweise Fragen der lokalen Abfallwirtschaft oder der Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel untersuchen.

3. Auswahl vorrangiger SDGs

Um sicherzustellen, dass die schulischen Aktivitäten wirksam und zielgerichtet sind, bietet das Handbuch konkrete Leitlinien zur Festlegung von Prioritäten.

Der Entscheidungsprozess

Die Auswahl der vorrangigen SDGs sollte sich an folgenden Grundsätzen orientieren:

1. Bedarfsanalyse der Gemeinde: Der wichtigste Schritt besteht darin, in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren die Bedürfnisse und Stärken der Gemeinde zu ermitteln. Die SDGs (wie z. B. SDG 13 in klimasensiblen Regionen oder SDG 4 in Gemeinden mit niedriger Alphabetisierungsrate) müssen an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden.

2. Auswahl eines Schwerpunktbereichs: Nachdem sie den lokalen Kontext verstanden haben, müssen Lehrkräfte und Schüler*innen ein zentrales Nachhaltigkeitsthema (z. B. Energiearmut oder Rückgang der Artenvielfalt) aussuchen und es in überschaubare Unterthemen unterteilen.

3. Einbeziehung der Schüler*innen: Die Schüler*innen müssen in den Entscheidungsprozess einbezogen werden, um ihre Handlungsfähigkeit und ihr Verantwortungsbewusstsein zu stärken.

4. Rotationsansatz: Für ein umfassendes Verständnis wird vorgeschlagen, Projekte mit Schwerpunkt auf den Zielen abwechselnd durchzuführen, um eine umfassende Abdeckung des gesamten SDG-Spektrums sicherzustellen, einschließlich weniger häufig behandelter Ziele wie Geschlechtergleichstellung (SDG 5) oder Leben unter Wasser (SDG 14).

5. Verknüpfung mehrerer SDGs: Die meisten Projekte berühren zwangsläufig mehrere SDGs, da diese auf systemischer Ebene miteinander verknüpft sind (beispielsweise wirken sich „Zero-Waste“-Kampagnen auf SDG 12, SDG 13 und SDG 15 aus).

Diese Struktur, die EU-Rahmenwerke als Grundlage nimmt und diese dann durch Partnerschaften und von Schülern geleitete Projekte in einen lokalen Kontext einbettet, stellt sicher, dass es bei der Bildung nicht nur um die Vermittlung von Inhalten geht, sondern auch darum, Schüler zu befähigen, informiert und verantwortungsbewusst zu handeln (Europäische Kommission 2019, 2022, 2023, Europäisches Forum für nachhaltige Entwicklung 2022).