Lernmaterial
| Website: | EuroCivic Lab Moodle |
| Kurs: | Das EuroCivic Student Toolkit (DE) |
| Buch: | Lernmaterial |
| Gedruckt von: | Guest user |
| Datum: | Freitag, 23. Oktober 2026, 22:43 |
1. Einleitung
Sozialer Aktivismus klingt vielleicht wie ein großes und schwieriges Konzept, aber im Kern ist es ganz einfach: Aktivismus bedeutet, dass man sieht, dass etwas sicherer, gerechter und besser sein könnte und dann gemeinsam mit anderen daran zu arbeiten, es zu verbessern. Dieses Handbuch hilft Lehrkräften, aber auch Schüler*innen, zu entdecken, wie Aktivismus im Schulalltag aussehen kann. Es zeigt, dass große Veränderungen nicht immer große Aktionen benötigen: Manchmal beginnt Veränderung mit einer einfachen Aufräumaktion, einem Plan Lebensmittelabfälle reduziert werden können oder damit, dass man dafür sorgt, dass sich alle während der Pause wohl fühlen.
Dieses Handbuch erklärt, dass gute Aktivist*innen gut informiert und gleichzeitig verantwortungsbewusst sein sollen: Dabei wird Wert darauf gelegt, Fakten zu überprüfen, die Privatsphäre von anderen zu schützen und die Rechte aller Beteiligten zu beachten. Die Schüler*innen lernen außerdem, dass Aktivismus am besten funktioniert, wenn er unterschiedliche Stimmen und Talente einbezieht: Wenn alle einen Beitrag leisten, ist das Ergebnis einer Aktion gerechter und effektiver. Mit anderen Worten: Die Grundlagen jedes Aktivismusprojekts sollten Sicherheit, ethisches Handeln und Inklusion sein.
Ein weiterer zentraler Gedanke in diesem Modul ist, dass Aktivismus oft ein Kreislauf ist. Man beginnt damit, ein Problem zu erkennen, probiert dann ein kleines Pilotprojekt für Veränderungen aus, beobachtet, was passiert, reflektiert die Ergebnisse und beginnt durch Verbesserungen von vorne. Dieser Ansatz von „Ausprobierens, Lernens, Anpassens und erneuten Ausprobierens“ lehrt den Schüler*innen, die Angst vor Fehlern durch Neugierde zu ersetzen. Die Schüler*innen bauen Selbstvertrauen auf und entwickeln Fähigkeiten, um sich besser im demokratischen Leben zurechtzufinden. Dieses Handbuch vermittelt den Schülerinnen und Schülern, dass ihr Handeln durch Wiederholung und Reflexion am Ende echte Wirkung entfalten kann, dass sich die Dinge tatsächlich zum Besseren wenden können, wenn sie wie Aktivist*innen handeln.
Im Laufe des Moduls verbinden die Schülerinnen und Schüler ihre Schulprojekte mit der europäischen Identität: mit europäischen Werten wie Würde, Fairness, Solidarität und Teilhabe. Sie entdecken, wie ihre Arbeit mit europäischen und weltweiten Zielen verknüpft ist, wie beispielsweise den Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals - SDG) der Vereinten Nationen. Selbst kleine Aktionen der Schülerinnen und Schüler innerhalb einer Schule werden zu einem bedeutenden Teil einer größeren Bemühung, an der sich viele Menschen in ganz Europa und weltweit beteiligen.
Schließlich regt das Handbuch die Schüler*innen dazu an, über langfristigen Wandel nachzudenken - ein Konzept, das als Nachhaltigkeit bekannt ist. Faire Regeln, klare Abläufe, ehrliche Belege und geteilte Verantwortung tragen dazu bei, dass ein Projekt über die Begeisterung am Anfang hinaus Bestand hat. Auf diese Weise lernen die Schüler, dass es als aktive Bürger*innen nicht nur um Ideen geht, sondern auch darum, Gewohnheiten zu entwickeln, die ihre Gemeinschaften jeden Tag ein Stück besser machen.
1.1. Ziele und Lernergebnisse
Ziele des Handbuchs
Dieses Modul befasst sich mit sozialem Engagement im Schulleben und Zusammenleben. Ihr werdet lernen, wie kleine, verantwortungsbewusste Handlungen mit europäischen Werten und den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) verknüpft werden können, um ein Umfeld zu schaffen, das für alle gerechter, sicherer und freundlicher ist.
Die Ziele sind:
a. Zu erklären, was sozialer Aktivismus ist; warum es im schulischen und gemeinschaftlichen Alltag wichtig ist; wie es sich auf das gemeinsame Wohl statt auf persönlichen Nutzen konzentriert.
b. Den Schüler*innen dabei zu helfen, alltägliche Situationen zu erkennen und zu diskutieren, in denen Fairness, Sicherheit und Freundlichkeit gestärkt werden können; ihnen zu vermitteln, warum es wichtig ist, in solchen Situationen aktiv zu werden.
c. Die Schüler dabei zu unterstützen, einfache ethische Grundsätze in der Gruppenarbeit anzuwenden (z. B. ehrlich sein, anderen zuhören, anderen keinen Schaden zufügen), während sie einem Prozess Schritt für Schritt folgen, um ein kleines Pilotprojekt zu entwerfen und durchzuführen, die Ergebnisse zu reflektieren und am Schluss die ursprüngliche Idee zu verbessern.
d. Schulisches Engagement mit europäischen Werten (z. B. Würde, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte) zu verknüpfen; europäische Werte mit relevanten Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) in Verbindung zu bringen; zu verdeutlichen, dass positive Veränderungen ein sich wiederholender Kreislauf sind und aufzuzeigen, wie kleine Projekte, wenn sie langfristig Bestand haben, dazu beitragen können, Zugehörigkeitsgefühl, Solidarität und Vertrauen in das demokratische Leben aufzubauen.
Lernziele des Handbuchs
Am Ende dieses Handbuchs sollten die Schüler*innen in der Lage sein:
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Beschreiben: Die Grundideen des Moduls zu nennen (oder mit eigenen Worten zu beschreiben): Was ist sozialer Aktivismus? Was bedeutet „Gemeinwohl“? Welche europäischen Werte sind für die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) am relevantesten und was sind die SDGs in einfachen Worten? Warum braucht positiver Wandel einen sich wiederholenden Kreislauf und ist kein einmaliges Ereignis?
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Verstehen: Warum es wichtig ist, dass im schulischen Umfeld Fairness, Sicherheit und Freundlichkeit im Alltag gefördert werden; warum Aktivismus ein gemeinsames Projekt ist; wie kleine, verantwortungsbewusste Handlungen ein Gefühl der Zugehörigkeit, Solidarität und des Vertrauens in das demokratische Leben schaffen können.
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Anwenden: Einfache ethische Grundsätze (Ehrlichkeit, Zuhören, Fürsorge für andere) bei der Arbeit in Gruppen; einen klaren, schrittweisen Ansatz nutzen, um ein kleines Pilotprojekt in eurer Schule oder Gemeinde zu entwerfen, durchzuführen und zu reflektieren.
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Vergleichen und zusammenfassen: Verschiedene Alltagssituationen, die für Projektideen relevant sind; das Wissen über Fairness, europäische Werte und die SDGs zusammenführen und ein Projekt entwerfen, die dem Gemeinwohl am besten dient.
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Argumentieren: Für Ideen und Maßnahmen einzustehen, indem die Schüler*innen mit Belegen erklären, dass ihr Projekt mit Fairness, Freundlichkeit, Sicherheit, europäischen Werten und relevanten SDGs in Verbindung steht, und dabei Beispiele und Ergebnisse aus ihrem eigenen Pilotprojekt zur Unterstützung ihrer Argumente benutzen.
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Kritisch analysieren: Die Projekte auch kritisieren, indem die Schüler*innen fragen, was funktioniert hat und was nicht; wer davon profitiert hat; wer möglicherweise ausgeschlossen wurde? Wurden ethische Grundsätze eingehalten? Was würde dazu beitragen, dass das Projekt langfristig Bestand hat? Was sollten sie im nächsten Veränderungszyklus anders versuchen?
2. Grundlagen des sozialen Aktivismus
Sozialer Aktivismus beginnt damit, dass man (a) bemerkt, dass etwas in unserem gemeinsamen Leben gerechter, sicherer oder freundlicher sein könnte, und (b) sich dafür entscheidet, gemeinsam mit anderen Menschen zu handeln, um es zu verbessern. Für Schüler*innen könnte so ein Handeln bedeuten, zu bemerken, dass auf dem Schulhof zu viel Müll liegt, dass ein Mitschüler in der Pause ausgegrenzt wird oder dass eine Rollstuhlrampe benötigt wird, damit alle Zugang zur Bibliothek haben. Der nächste Schritt ist etwas zu unternehmen, um zu helfen. Der soziale Aspekt des Begriffs „sozialer Aktivismus“ ist wichtig! Er macht deutlich, dass Engagement etwas ist, das gemeinsam, in einer Gemeinschaft, und nicht alleine stattfindet. Mit anderen Worten: Sozialer Aktivismus zielt auf das Gemeinwohl ab, nicht nur auf einen persönlichen Vorteil für eine Person oder Gruppe.
In Europa ist dieser Geist der Zusammenarbeit mit langjährigen Werten wie Würde, Freiheit, Demokratie und Menschenrechten verbunden, ganz im Sinne des Engagements der Europäischen Union für die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) (Vereinte Nationen, 2015). Wenn ihr eine Aufräumaktion organisiert, freundlichere Flurregeln entwerft oder ein respektvolles Plakat zur E-Sicherheit gestaltet, lebt ihr genau diese Werte vor. Auf diese Weise - ob im Großen oder im Kleinen - wird die europäische Identität im schulischen Alltag nicht nur vermittelt, sondern auch gelebt (Europarat, 2018; UNESCO, 2021).
Abbildung 1: Pyramide des Aktivismus.

Guter Aktivismus ist informiert und zugleich verantwortungsbewusst. Die Informationen, auf die wir zurückgreifen, müssen zuverlässig sein, Fakten müssen überprüft und Gerüchte vermieden werden. Gleichzeitig sind wir dafür verantwortlich, die Rechte anderer Menschen zu respektieren: Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes besagt, dass Kinder ein Recht auf Mitbestimmung, auf Anhörung, auf Sicherheit und natürlich auf Bildung haben (Vereinte Nationen, 1989).
Informiert und verantwortungsbewusst zu sein, ist keine abstrakte Idee: Es ist ein praktischer Leitfaden für die Planung und das Verhalten während eines Projekts. Wenn euer Team beispielsweise Mitschüler*innen befragen möchte, erklärt zunächst klar den Zweck, bittet um Erlaubnis und schützt die Privatsphäre. Wenn ihr Fotos macht, fragt ihr erneut um Erlaubnis, bevor ihr sie teilt. Indem ihr Handeln mit Rechten verknüpft, lernt ihr, eure Welt zu verbessern, ohne anderen zu schaden (Europäische Union, 2016).
Aktivismus kann sowohl klein und lokal oder groß und stadtweit sein, doch die Grundregeln sind ähnlich: (i) ein Problem erkennen, (ii) den Betroffenen zuhören, (iii) ein realistisches Ziel bestimmen, (iv) schrittweise vorgehen, (v) prüfen, was sich verändert hat. Lehrkräfte bezeichnen diesen schrittweisen Prozess manchmal als „Backward Design“, auf deutsch „Gestaltung von hinten“: Das bedeutet, bei der Wirkung anfangen, die man am Ende erzielen möchte, und dann von Anfang an die Schritte zu planen, die man unternehmen muss, um das Ziel zu erreichen, welche Belege man in der Zwischenzeit sammeln muss, und wie man die Ergebnisse des Projekts weitergeben wird (Wiggins & McTighe, 2005).
Für jüngere Aktivist*innen sieht das oft wie ein kurzes Pilotprojekt aus. Nehmen wir zum Beispiel an, ihr habt beobachtet, dass sich Schüler*innen an eurer Schule über die Situation auf den Fluren beschweren: Es ist dort zu laut und chaotisch oder dass es nie genug Platz gibt, damit sich die Schüler*innen frei bewegen können. Was macht ihr? Besprecht erst, was sich ändern könnte, und macht Vorschläge. Probiert dann zwei Wochen lang eine einfache und umsetzbare Idee aus (entwerft zum Beispiel Flurregeln, die die Situation verbessern). Haltet anschließend fest, was passiert, messt die Dinge, die sich messen lassen (zum Beispiel: Wie viele waren mit den neuen Regeln zufrieden?), und reflektiert die Ergebnisse. Um dann zu entscheiden, was angepasst werden soll, beginnt die Beobachtung… und der Kreislauf beginnt von Neuem! Dieser wiederholbare, schrittweise Ansatz, wie er in der folgenden Abbildung dargestellt ist, schafft Vertrauen und verhindert Frustration vor, denn selbst wenn die erste Idee nicht perfekt ist, lernt ihr, was als Nächstes verbessert werden muss (UNESCO, 2021).
Abbildung 2: Ein kurzes Pilotprojekt für Veränderungen.

Aktivismus fällt leichter, wenn man versteht, warum Menschen sich überhaupt dafür engagieren. Manchmal liegt es daran, dass ihnen Gerechtigkeit am Herzen liegt; manchmal sehen sie eine praktische Lösung und möchten dabei helfen. Dabei spielen auch Gefühle eine Rolle, wie Empathie (sich vorstellen, wie sich jemand anderes fühlt) und Zugehörigkeitsgefühl (das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein). Ein weiterer starker Motivationsfaktor ist ein unterstützendes Umfeld, beispielsweise durch Erwachsene und Freunde: Studien zeigen insbesondere, dass junge Menschen Eigeninitiative entwickeln (das Gefühl: „Ich kann das!“) und beginnen, sich selbst als fähige Individuen zu sehen, die gesellschaftliche Veränderungen bewirken können, wenn Erwachsene echte Verantwortung teilen, ihnen sinnvolle Rollen anbieten und die Meinungen der Schüler*innen ernst nehmen (Zeldin et al., 2013). Studien zum sozial-emotionalen Lernen zeigen auch, dass Projekte mit klaren Zielen, Zeit zum Üben und Möglichkeiten zur Reflexion zu positiven Ergebnissen, z.B. besserer Teamarbeit und effektiverer Problemlösung führen (Durlak et al., 2011).
Kurz gesagt: Aktivismus ist eine Mischung aus Herz, Kopf und Händen: sich um andere kümmern, sorgfältig nachdenken und Dinge in der Welt ausprobieren (Vereinte Nationen, 2015; Europarat, 2018).
3. Ethik, Sicherheit und Inklusion
Sicherheit, Ethik und Inklusion: Diese drei Begriffe sind keine vagen Ideen, sondern praktische Regeln, die sozialen Aktivismus leiten sollten.
Zuerst Sicherheit.
Wir müssen stets darauf achten, dass unsere Handlungen, die anderen helfen sollen, niemals Schaden anrichten. Bei ethischem Aktivismus geht es um Ehrlichkeit (niemals Unwahres oder Ungenaues zu erzählen), Diskretion (um Erlaubnis zu bitten, bevor man das Bild oder gar die Worte einer Person teilt) und Sicherheit (vorsichtig damit umzugehen, welche Informationen man z.B. online preisgibt). In Europa sind Datenschutz und Privatsphäre wichtig, weshalb die Vorschriften streng sind: Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) legt fest, wie wir mit personenbezogenen Daten (wie Namen, Fotos oder Kontaktdaten) umgehen sollen und auf welche Weise wir diese sammeln, speichern und weitergeben dürfen (Europäische Union, 2016). Für Schüler bedeutet das einfache, aber verpflichtende Regeln, wie zum Beispiel, immer erst um Erlaubnis zu fragen, bevor man ein Foto macht und veröffentlicht, z.B. nur Vornamen oder Rollen zu verwenden statt voller Namen, wenn der Lehrer dies bevorzugt, Kontaktdaten stets vertraulich zu behandeln und sich immer bei einem Lehrer zu erkundigen, bevor man etwas veröffentlicht, das Mitschüler betrifft. Diese Schritte schützen deine Freund*innen und auch dich selbst. Wenn du sie oft genug anwendest, werden sie zu Gewohnheiten, die gut für dich sind. Stell dir das wie Hygiene vor… nur für Daten!
Dann die Ethik.
Ethik ist ein großes Wort, das die Regeln im Umgang mit anderen beschreibt: was eine Person für richtig und was für falsch hält. Wichtig ist, dass Ethik auch umfasst, wie wir mit Menschen umgehen, die wir nicht kennen sind oder eine andere Meinung haben als wir. Eine ethische Kampagne ist besser und stärker, nicht nur, weil Aktivist*innen dem Ideal guten demokratischen Verhaltens folgen (die abstrakte Seite), sondern auch, weil sie anderen Menschen respektvoll zuhören (die praktische Seite). Zuhören hilft, Lösungen zu finden, die realistisch sind und die alle akzeptieren können (Europarat, 2018; UNESCO, 2021).
Wenn ihr beispielsweise den Lärm auf dem Schulflur reduzieren wollt, ist es hilfreich, zunächst zu fragen, warum der Lärm entsteht, bevor ihr Lösungen vorschlagt: Halten sich die Schüler*innen auf den Fluren auf, anstatt auf den Schulhof zu gehen? Entsteht ein Gedränge, weil alle Schüler*innen gleichzeitig hinausgehen wollen? Schreien die Schüler*innen, weil sie sich im Klassenzimmer nicht gehört fühlen? Dieselben ethischen Regeln gelten auch online: Verwendet höfliche Sprache, vermeidet persönliche Angriffe, und wenn ihr die Ideen anderer nutzt, weist auf deren Urheber hin.
Und zu guter Letzt: Inklusion.
Theoretisch bedeutet Inklusion, dass jeder dazugehört und sich sinnvoll einbringen kann. In der Praxis bedeutet es, Projekte so zu gestalten, dass Schüler*innen mit unterschiedlichen Stärken einen Beitrag leisten können. Manche schreiben, zeichnen oder nehmen lieber Tonaufnahmen auf; andere haben Freude daran, auf Menschen zuzugehen, Materialien zu organisieren oder Präsentationen zu halten; wieder andere übernehmen gerne die Teamleitung oder kümmern sich um Probleme, die während des Projekts auftreten.
Im Allgemeinen planen gute Teams die Rollen so, dass die Talente jeder Person genutzt werden und niemand ausgeschlossen wird. Inklusion bedeutet auch, darüber nachzudenken, wer als Erstes von einer Veränderung profitiert. Wenn eure Schule Bäume für Schattenplätze pflanzt, ist es vielleicht fair, mit den heißesten, unangenehmsten Bereichen zu beginnen, anstatt mit den bereits angenehmen. Wenn in einer Schule Dinge zum Besseren verändert werden, hilft das dann einigen Jahrgangsstufen mehr als anderen?
Schließlich bedeutet Inklusion auch, dass Aktivisten darauf achten müssen, niemanden versehentlich auszuschließen! Wenn ein Plakat zum Thema Freundlichkeit winzige Schrift und Farben verwendet, die sich nicht voneinander unterscheiden lassen, können manche Mitschüler*innen es möglicherweise nicht gut lesen. Wenn ein Regal zum Teilen von Lebensmitteln zu hoch angebracht ist, könnte euer Projekt gegen Lebensmittelverschwendung am Ende Schüler*innen im Rollstuhl ausschließen, anstatt alle willkommen zu heißen!
Wenn all diese Regeln kompliziert erscheinen, denk daran: Um sozialen Aktivismus sicher, ethisch und inklusiv zu gestalten, kannst du dir drei einfache Regeln merken: (a) erst fragen, (b) freundlich sein, (c) alle einbeziehen.
Abbildung 3: Das Sicherheitsnetz des sozialen Aktivismus.

4. Aktivismus und europäische Identität
Der Begriff „europäische Identität“ mag abstrakt klingen, er wird aber greifbar, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam handeln, um das Gemeinwohl zu fördern. Schulprojekte - egal wie klein sie auch sein mögen - knüpfen an übergeordnete europäische Werte an: Zugehörigkeit, Solidarität und Vertrauen in die Demokratie.
Das Zugehörigkeitsgefühl wächst, wenn Schüler dazu beitragen, ihre Schule spürbar zum Besseren zu verändern: Eine von Schülern entworfene und gepflegte Recyclingstation erinnert beispielsweise täglich daran, dass man sich um die Schule und die Umwelt kümmern möchte.
Solidarität bedeutet, zusammenzustehen, damit niemand zurückgelassen wird: eine Bücherspende für eine Partnerschule, die sich keine Bibliothek leisten kann, eine „Woche der Freundlichkeit“, mit Lebensmittelspenden für Notunterkünfte oder ein Projekt zur Verbesserung der Barrierefreiheit an der eigenen Schule; Aktionen wie diese zeigen: „Wenn einer von uns Schwierigkeiten hat, helfen wir alle“.
Demokratisches Vertrauen entsteht, wenn wir Regeln schaffen oder überarbeiten, um fair zu sein, wenn wir auf die Meinung von Minderheiten hören und wenn wir unsere Versprechen ehrlich einhalten. Wir müssen in unserem Handeln stets klar sein, damit die Menschen uns vertrauen können; andere müssen immer erkennen können: Was wir getan haben und warum, was wir geändert haben und was wir als Nächstes versuchen werden (Europarat, 2018; UNESCO, 2021).
Die Verknüpfung eures Aktivismusprojekts mit den SDGs (Ziele für nachhaltige Entiwcklung) ist ein praktischer Weg, regionale Bemühungen mit weltweiten Zielen zu verbinden. Ein Projekt gegen Lebensmittelverschwendung passt zu SDG 12 (Verantwortungsvoller Konsum und Produktion); eine Anti-Müll-Kampagne oder eine Biodiversitäts-Ecke knüpft an SDG 15 (Leben an Land) an; eine „Mit dem Fahrrad zur Schule“-Initiative unterstützt SDG 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz). Die Einordnung der eigenen Arbeit in einen europaweiten und weltweiten Rahmen hilft jungen Menschen zu verstehen, dass ihre Handlungen bedeutende Teile eines größeren Ganzen sind (Vereinte Nationen, 2015; UNESCO, 2021).
Eure Projekte können auch einen Bezug zur europäischen Politik herstellen. So ist beispielsweise der Europäische Grüne Deal ein Plan, mit dem die EU klimafreundlicher werden und natürliche Ressourcen effizienter nutzen will (Europäische Kommission, 2020). Während der Grüne Deal auf der Ebene von Städten oder Nationen umgesetzt wird, werden seine Ziele auch durch Entscheidungen auf Schulebene verwirklicht: Energie sparen, Schattenplätze und Grünflächen schaffen, Rad- und Fußwege verbessern und eine faire, inklusive Beteiligung gestalten, damit die Vorteile diejenigen erreichen, die sie am dringendsten benötigen. Auf diese Weise ist das Engagement in der Schule nicht von den „großen“ europäischen Ideen getrennt; es ist eine der alltäglichen Formen, in denen diese Ideen von der nächsten Generation von Bürger*innen gelebt werden (Europarat, 2018; Europäische Kommission, 2020; UNESCO, 2021).
Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinigten Nationen (SDGs)
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Ziel 1. Die Armut in all ihren Formen überall beenden
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Ziel 2: Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen sowie eine nachhaltige Landwirtschaft fördern
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Ziel 3: Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern
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Ziel 4: Eine inklusive und gerechte hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle fördern
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Ziel 5: Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen stärken
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Ziel 6: Die Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle sicherstellen
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Ziel 7: Zugang zu erschwinglicher, zuverlässiger, nachhaltiger und moderner Energie für alle gewährleisten
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Ziel 8: Ein nachhaltiges, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum sowie Vollbeschäftigung und produktive Beschäftigung sowie menschenwürdige Arbeit für alle fördern
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Ziel 9: Eine widerstandsfähige Infrastruktur aufbauen, eine inklusive und nachhaltige Industrialisierung fördern und Innovationen vorantreiben
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Ziel 10. Ungleichheit innerhalb der Länder und zwischen den Ländern verringern
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Ziel 11. Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten
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Ziel 12. Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen
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Ziel 13. Dringende Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen*
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Ziel 14: Die Ozeane, Meere und Meeresressourcen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung erhalten und nachhaltig nutzen
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Ziel 15. Schutz, Wiederherstellung und Förderung der nachhaltigen Nutzung terrestrischer Ökosysteme, nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder, Bekämpfung der Wüstenbildung sowie Eindämmung und Umkehrung der Bodendegradation und des Verlusts der biologischen Vielfalt
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Ziel 16. Friedliche und inklusive Gesellschaften für eine nachhaltige Entwicklung fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz gewährleisten und auf allen Ebenen wirksame, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen aufbauen
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Ziel 17: Die Mittel zur Umsetzung stärken und die globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung neu beleben
Abbildung 4: Die 17 SDGs (Quelle: Vereinte Nationen, 2015)

Die europäische Identität (wie alle Identitäten der Zugehörigkeit) ist eine Praxis und nicht nur ein Etikett. Wenn du Fairness, Ehrlichkeit und Inklusion lebst und wenn du dich um die Menschen und Orte in deiner Umgebung kümmerst, baust du bereits eine europäische Identität auf: Eine respektvolle Entscheidung nach der anderen, ein gemeinsames Projekt nach dem anderen - so bewirkst du Veränderung (Vereinte Nationen, 2015; Europarat, 2018). Deshalb sind auch kleine, gut durchgeführte Projekte so wichtig: Sie helfen dir dabei, zu einer Person zu werden, die gemeinsam mit anderen daran arbeiten kann, die Welt zu verbessern!
Abbildung 5: Stufen der Identität und Zugehörigkeit.

5. Von der Vision zum nachhaltigen Wandel
Ein starkes Projekt folgt einem einfachen Zyklus: Idee → Aktion → Wirkung → Nachhaltigkeit → (von vorne beginnen!). Unter „Idee“ versteht man die klare Formulierung von dem, was besser wird, wenn das Projekt funktioniert, zum Beispiel: „Unsere Flure werden ruhiger und freundlicher“ oder „Die Lebensmittelverschwendung in der Mittagspause wird um ein Drittel reduziert.“ „Aktion“ umfasst die konkreten Schritte, ein kurzes Pilotprojekt und einen realistischen Zeitplan. „Wirkung“ sind die Effekte, die zeigen, wie man feststellen kann, ob die Veränderung tatsächlich stattgefunden hat und für wen: zum Beispiel eine Mini-Umfrage mit drei Fragen, eine einfache Zählung des gesammelten Mülls oder ein Vorher-Nachher-Foto einer Leseecke. „Nachhaltigkeit“ ist der Schritt, den viele Gruppen vergessen (Wiggins & McTighe, 2005; UNESCO, 2021):
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Wie soll das weitergehen, wenn die anfängliche Begeisterung nachlässt?
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Wer ist im nächsten Schuljahr verantwortlich?
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Werden Regeln oder Abläufe angepasst, damit die Veränderung Bestand hat?
Um dies gut zu bewältigen, müssen Teams Erfolgskriterien in einfacher Sprache definieren. Ein Erfolgskriterium könnte lauten: „Mindestens 80 % der Klassen berichten von weniger Lärm während der Pausen“, oder „Das Regal zum Teilen von Lebensmitteln wird zwei Wochen lang jeden Tag sicher und ordentlich aufgefüllt“. Einfache Messung am Anfang des und Folgemessungen am Ende des Projekt helfen Vermutungen zu vermeiden: Wenn ihr beispielsweise zwei Tage vor der Aufräumaktion und zwei Tage danach den Müll zählt, könnt ihr mit größerer Sicherheit sagen, ob die Veränderung tatsächlich stattgefunden hat. Belege müssen nicht kompliziert sein; sie müssen lediglich ehrlich und wiederholbar sein. Mit der Zeit fördert das Erlernen der Sammlung kleiner Belege das kritische Denken und macht eure Handlungsvorschläge für Schulleitung und Familien überzeugender (UNESCO, 2021).
Projekte sind außerdem von Dauer, wenn sie realistisch sind: Sie sollten mit klaren Rollen und unter Berücksichtigung von Zeit und Ressourcen gestaltet werden. Dass Rollen wichtig sind, zeigt sich in der Forschung zur Zusammenarbeit zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Studien belegen, dass junge Menschen Fähigkeiten entwickeln, um bessere Bürger zu werden, wenn Erwachsene Verantwortung teilen, ihnen konkrete Aufgaben übertragen und ihre Meinungen ernst nehmen - und dass sie zudem länger an Projekten festhalten (Zeldin et al., 2013). Ihr könntet beispielsweise ein rotierendes „Green Team“ zur Betreuung von Recyclingstationen oder eine „Freundlichkeitsgruppe“ zur Betreuung neuer Schüler einrichten. Die Einbindung von Projektaufgaben in den Schulalltag (zum Beispiel jeden Freitag in der letzten Stunde oder in den ersten zehn Minuten nach dem Mittagessen) sorgt dafür, dass das Projekt am Laufen bleibt (UNESCO, 2021; Europarat, 2018).
Schließlich ist es wichtig, nicht nur über Ergebnisse, sondern auch über das Lernen selbst nachzudenken. Vergesst nie, zu fragen: „Was hat funktioniert und warum?“, „Was hat uns überrascht?“ und „Was werden wir beim nächsten Mal verbessern?“. Untersuchungen zum sozial-emotionalen Lernen zeigen, dass Projekte mit strukturierter Reflexion fächerübergreifend bessere Ergebnisse erzielen (Durlak et al., 2011).
Kurz gesagt: Nachhaltiger Wandel entsteht durch sorgfältige Planung, respektvolle Partnerschaft, nachweisbare Ergebnisse und einfache Routinen, um die Arbeit voranzutreiben. Das sind dieselben Zutaten, die Demokratie auf jeder Ebene vertrauenswürdig machen - vom Klassenzimmer bis zum Kontinent (UNESCO, 2021; Europarat, 2018; Vereinte Nationen, 2015).
Abbildung 6: Der Veränderungszyklus.

6. Quellenangaben
Council of Europe. (2018). Reference Framework of Competences for Democratic Culture. https://www.coe.int/en/web/reference-framework-of-competences-for-democratic-culture
Durlak, J. A., Weissberg, R. P., Dymnicki, A. B., Taylor, R. D., & Schellinger, K. B. (2011). The impact of enhancing students’ social and emotional learning: A meta-analysis of school-based universal interventions. Child Development, 82(1), 405–432. https://doi.org/10.1111/j.1467-8624.2010.01564.x
European Commission. (2020). The European Green Deal. https://ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/european-green-deal_en
European Union. (2016). General Data Protection Regulation (EU) 2016/679 (GDPR). https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2016/679/oj
Hart, R. A. (1992). Children’s participation: From tokenism to citizenship (Innocenti Essays No. 4). UNICEF Office of Research—Innocenti. https://participationpool.eu/wp-content/uploads/2020/05/Hart-R.-1992-Children-Participation-from-Tokenism-to-Citizenship.pdf
UNESCO. (2021). Education for Sustainable Development: A roadmap. https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000374802
United Nations. (1989). Convention on the Rights of the Child. https://www.ohchr.org/en/instruments-mechanisms/instruments/convention-rights-child
United Nations. (2015). Transforming our world: The 2030 Agenda for Sustainable Development. https://sdgs.un.org/2030agenda
Wiggins, G., & McTighe, J. (2005). Understanding by design (Expanded 2nd ed.). ASCD. https://www.ascd.org/books/understanding-by-design
Zeldin, S., Christens, B. D., & Powers, J. L. (2013). The psychology and practice of youth–adult partnership: Bridging generations for youth development and community change. American Journal of Community Psychology, 51(3–4), 385–397. https://doi.org/10.1007/s10464-012-9558-y