Lernmaterial
2. Grundlagen des sozialen Aktivismus
Sozialer Aktivismus beginnt damit, dass man (a) bemerkt, dass etwas in unserem gemeinsamen Leben gerechter, sicherer oder freundlicher sein könnte, und (b) sich dafür entscheidet, gemeinsam mit anderen Menschen zu handeln, um es zu verbessern. Für Schüler*innen könnte so ein Handeln bedeuten, zu bemerken, dass auf dem Schulhof zu viel Müll liegt, dass ein Mitschüler in der Pause ausgegrenzt wird oder dass eine Rollstuhlrampe benötigt wird, damit alle Zugang zur Bibliothek haben. Der nächste Schritt ist etwas zu unternehmen, um zu helfen. Der soziale Aspekt des Begriffs „sozialer Aktivismus“ ist wichtig! Er macht deutlich, dass Engagement etwas ist, das gemeinsam, in einer Gemeinschaft, und nicht alleine stattfindet. Mit anderen Worten: Sozialer Aktivismus zielt auf das Gemeinwohl ab, nicht nur auf einen persönlichen Vorteil für eine Person oder Gruppe.
In Europa ist dieser Geist der Zusammenarbeit mit langjährigen Werten wie Würde, Freiheit, Demokratie und Menschenrechten verbunden, ganz im Sinne des Engagements der Europäischen Union für die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) (Vereinte Nationen, 2015). Wenn ihr eine Aufräumaktion organisiert, freundlichere Flurregeln entwerft oder ein respektvolles Plakat zur E-Sicherheit gestaltet, lebt ihr genau diese Werte vor. Auf diese Weise - ob im Großen oder im Kleinen - wird die europäische Identität im schulischen Alltag nicht nur vermittelt, sondern auch gelebt (Europarat, 2018; UNESCO, 2021).
Abbildung 1: Pyramide des Aktivismus.

Guter Aktivismus ist informiert und zugleich verantwortungsbewusst. Die Informationen, auf die wir zurückgreifen, müssen zuverlässig sein, Fakten müssen überprüft und Gerüchte vermieden werden. Gleichzeitig sind wir dafür verantwortlich, die Rechte anderer Menschen zu respektieren: Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes besagt, dass Kinder ein Recht auf Mitbestimmung, auf Anhörung, auf Sicherheit und natürlich auf Bildung haben (Vereinte Nationen, 1989).
Informiert und verantwortungsbewusst zu sein, ist keine abstrakte Idee: Es ist ein praktischer Leitfaden für die Planung und das Verhalten während eines Projekts. Wenn euer Team beispielsweise Mitschüler*innen befragen möchte, erklärt zunächst klar den Zweck, bittet um Erlaubnis und schützt die Privatsphäre. Wenn ihr Fotos macht, fragt ihr erneut um Erlaubnis, bevor ihr sie teilt. Indem ihr Handeln mit Rechten verknüpft, lernt ihr, eure Welt zu verbessern, ohne anderen zu schaden (Europäische Union, 2016).
Aktivismus kann sowohl klein und lokal oder groß und stadtweit sein, doch die Grundregeln sind ähnlich: (i) ein Problem erkennen, (ii) den Betroffenen zuhören, (iii) ein realistisches Ziel bestimmen, (iv) schrittweise vorgehen, (v) prüfen, was sich verändert hat. Lehrkräfte bezeichnen diesen schrittweisen Prozess manchmal als „Backward Design“, auf deutsch „Gestaltung von hinten“: Das bedeutet, bei der Wirkung anfangen, die man am Ende erzielen möchte, und dann von Anfang an die Schritte zu planen, die man unternehmen muss, um das Ziel zu erreichen, welche Belege man in der Zwischenzeit sammeln muss, und wie man die Ergebnisse des Projekts weitergeben wird (Wiggins & McTighe, 2005).
Für jüngere Aktivist*innen sieht das oft wie ein kurzes Pilotprojekt aus. Nehmen wir zum Beispiel an, ihr habt beobachtet, dass sich Schüler*innen an eurer Schule über die Situation auf den Fluren beschweren: Es ist dort zu laut und chaotisch oder dass es nie genug Platz gibt, damit sich die Schüler*innen frei bewegen können. Was macht ihr? Besprecht erst, was sich ändern könnte, und macht Vorschläge. Probiert dann zwei Wochen lang eine einfache und umsetzbare Idee aus (entwerft zum Beispiel Flurregeln, die die Situation verbessern). Haltet anschließend fest, was passiert, messt die Dinge, die sich messen lassen (zum Beispiel: Wie viele waren mit den neuen Regeln zufrieden?), und reflektiert die Ergebnisse. Um dann zu entscheiden, was angepasst werden soll, beginnt die Beobachtung… und der Kreislauf beginnt von Neuem! Dieser wiederholbare, schrittweise Ansatz, wie er in der folgenden Abbildung dargestellt ist, schafft Vertrauen und verhindert Frustration vor, denn selbst wenn die erste Idee nicht perfekt ist, lernt ihr, was als Nächstes verbessert werden muss (UNESCO, 2021).
Abbildung 2: Ein kurzes Pilotprojekt für Veränderungen.

Aktivismus fällt leichter, wenn man versteht, warum Menschen sich überhaupt dafür engagieren. Manchmal liegt es daran, dass ihnen Gerechtigkeit am Herzen liegt; manchmal sehen sie eine praktische Lösung und möchten dabei helfen. Dabei spielen auch Gefühle eine Rolle, wie Empathie (sich vorstellen, wie sich jemand anderes fühlt) und Zugehörigkeitsgefühl (das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein). Ein weiterer starker Motivationsfaktor ist ein unterstützendes Umfeld, beispielsweise durch Erwachsene und Freunde: Studien zeigen insbesondere, dass junge Menschen Eigeninitiative entwickeln (das Gefühl: „Ich kann das!“) und beginnen, sich selbst als fähige Individuen zu sehen, die gesellschaftliche Veränderungen bewirken können, wenn Erwachsene echte Verantwortung teilen, ihnen sinnvolle Rollen anbieten und die Meinungen der Schüler*innen ernst nehmen (Zeldin et al., 2013). Studien zum sozial-emotionalen Lernen zeigen auch, dass Projekte mit klaren Zielen, Zeit zum Üben und Möglichkeiten zur Reflexion zu positiven Ergebnissen, z.B. besserer Teamarbeit und effektiverer Problemlösung führen (Durlak et al., 2011).
Kurz gesagt: Aktivismus ist eine Mischung aus Herz, Kopf und Händen: sich um andere kümmern, sorgfältig nachdenken und Dinge in der Welt ausprobieren (Vereinte Nationen, 2015; Europarat, 2018).